Wednesday 22. May 2019

Das Jahr steht auf der Höhe (GL 465)

Worte: Det­lev Block; Musik: Johann Steurlein

 

Tag und Stunde, Woche, Monat und Jahr … Wer die Zeit bedenkt, steht plötzlich vor dem Rätsel der Ewigkeit. Wenn wir das Jahr besingen, kommen zumeist Anfang und Ende in den Blick mit Liedern wie »Der du die Zeit in Händen hast« oder »Das alte Jahr vergangen ist«. Dieses Lied singt von der Mitte des Jahres.

 

»Welchen Trost, welche Ermutigung gibt es für uns, wenn der Schatten des Wechsels und der Ver­gänglichkeit auf uns fällt?«

So beschreibt der Autor Detlev Block seine Motivation zu diesem »Mitt­sommerlied«, das 1978 entstanden ist. Im Hintergrund steht die biblische Botschaft des Johannesta­ges am 24. Juni: »Er muss wachsen, ich aber muss abnehmen« (Johan­nes 3,30). Aber auch Psalm 102 »Raff mich nicht weg in der Mitte des Lebens« (Psalm 102,25) klingt an. Denn so wie die Tage nach der Jahresmitte wieder kürzer werden, so nehmen auch die Lebenstage beständig ab. Ja, sie zerrin­nen uns unter den Händen. Allein »Gottes Jahre« sind der Zeit enthoben: »Vor Zeiten hast du der Erde Grund gelegt, die Himmel sind das Werk deiner Hände. Sie werden vergehen, du aber bleibst; sie alle zerfallen wie ein Gewand; du wechselst sie wie ein Kleid und sie schwinden dahin. Du aber bleibst, der du bist, und deine Jahre enden nie« (Psalm 102,26–28).

 

Schöpfer-Zeit

Um die Mitte des Jahres dreht sich die erste Strophe. Doch die »große Waage« – dieses sommerliche Sternbild versteht der Hobby-Astronom Detlev Block als »Sinnbild für das Abmessen und Zeitgewäh­ren durch den Schöpfer und seine große Schöpfung« –, sie ruht nur scheinbar! Schließlich ist das christliche Zeitverständnis kein Kreis und keine Wiederholung des Immergleichen, sondern ein »Wachsen auf dich hin«. In der zweiten Strophe klingt eine berühmte biblische Einsicht aus dem Alten Testament an: »Alles hat seine Zeit« (Kohelet). Die dritte Strophe dann bedenkt den Abschied und den Gegensatz von vergänglich und unvergänglich. Weil Gott selber das Ziel von allem ist, öffnet sich ein Horizont der Vollendung hinter dem irdischen Ende.

Das stärkste Wort steht ganz am Schluss: »… dass jeder zu dir findet und durch dich aufersteht«. Zwi­schen Zeit und Ewigkeit waltet nicht nur ein unversöhnlicher Gegensatz. Da steht auch eine Brücke. Gemeint ist das Christus-Ereignis der Auferstehung. In einer frühen Fassung hieß es hier »und zu dir aufersteht«. Diese Zeile hat der Autor im Jahr 2012 geändert, um noch deutlicher zu zeigen, dass die Vollendung kein vom Menschen gemachtes Werk ist, sondern das Geschenk der Teilhabe an der Auf­erstehung Christi.

 

Tonangebend für den Text war die Melodie

Detlev Block (geb. 1934) hat über 30 Jahre als Stadtpfarrer und Seelsorger für Kurgäste in Bad Pymont gewirkt. Er ist Autor zahlreicher Bücher, Gedichte und Lieder. Mehr als 50 Komponisten haben sich inzwi­schen mit seinen Texten befasst. Bei diesem Lied jedoch wurde gleich zu Beginn die alte Melodie von Johann Steurlein (1546–1613) »tonangebend und motivierend«. Man kennt sie vom weltlichen Chorsatz »Mit Lieb bin ich umfangen« oder vom geistlichen Lied »Wie lieblich ist der Maien«, das im Evangelischen Gesangbuch steht – oder auch von Detlev Blocks Sommerlied »Nun steht in Laub und Blüte«.

Der Komponist Steurlein hat nach seiner Ausbildung in Magdeburg, Jena und Wittenberg als Stadtschreiber, Notar und Kanzleisekretär gewirkt, vor allem ab 1589 bis zu sei­nem Lebensende in Meiningen. Zahlreiche Gedichte und Melodien stammen aus seiner Feder. Seine alte Melodie aus dem Jahr 1575 bringt das neue Lied bestens zur Geltung: mit dem anfänglichen Schwung und dem Sich-Einpendeln auf dem Grundton vor dem Wiederholungszeichen bei »ruht«; auch mit der Spannung zwischen dem offenen Halbschluss des fünftletzten Taktes und dem Ganz­schluss am Ende, die jeweils eine stimmige Entsprechung im Text von Detlev Block findet.

 Meinrad Walter

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