Freitag 17. November 2017

Vom "alten" zum "neuen" Gotteslob

 

 

Kirchen-Gesangbücher waren, seit es solche gibt, entweder offizielle Liturgiebücher oder private Liedersammlungen für den Gebrauch in Familien und Gemeinden; ein Mittelding waren die Diözesan- Gesangbücher, die als offizielle Bücher für Feiern der Ortskirche gelten konnten. Zielsetzung aller Gesangbücher war es, entweder die schon bestehende Singpraxis zu dokumentieren und sicher zu stellen, und/oder Neues in die Singpraxis einzuführen.

 

Wo immer muttersprachliches Singen im Gottesdienst üblich war, ist entweder ein kleiner Stamm von Gesängen auswendig gesungen und von Generation zu Generation weitergegeben worden, oder es mussten Gesangbücher zur Verfügung gestellt werden, was Hand in Hand ging mit dem Erlernen des Lesens von Texten und Musiknoten.

 

In der Katholischen Kirche hatte das Singen in der Volkssprache vor allem in Andachten in Haus und Gemeinde seinen Ort, aber auch "inoffiziell" bei der Teilnahme an still gelesenen Messen. Die gern gesungenen Mess-Lied-Reihen - z.B. die Haydn- und die Schubert-Messe - waren gesungene Mess- Andachten. Offizielle Liturgiebücher enthalten nur vor den Reformen des Trienter Konzils (1545-1564) deutsche Gesänge. Nach Erfindung des Buchdrucks haben einzelne Ritualien einen Anhang mit alten deutschen Gesängen, die nicht außer Übung kommen sollen.

 

"In der Katholischen Kirche hatte das Singen in der Volkssprache vor allem in Andachten in Haus und Gemeinde seinen Ort, aber auch "inoffiziell" bei der Teilnahme an still gelesenen Messen."

 

Die großen wissenschaftlichen Liedersammlungen des 19. Jahrhunderts bezeugen eine ungeheuer große Zahl an Gesangbüchern und an geistlichen Gesängen, wobei auffällt, dass es von den beliebtesten und verbreitetsten Liedern unzählige Varianten in Text und Melodie gibt. Varianten- Vielfalt ist ein Zeichen blühenden Lebens, Uniformität hingegen ist das Ergebnis obrigkeitlicher Ordnung und außerdem in der Regel lebensfeindlich.

 

In den Kirchen der Reformation galt der beliebte Lied-Gesang von Anfang an als Form der tätigen Teilnahme der Gemeinden an ihrem Gottesdienst, in der katholischen Kirche wurde er erst durch die Liturgie-Reform des II. Vatikanischen Konzils ermöglicht als erwünschte Adaptation einer verbreiteten Form der Volksfrömmigkeit. So sind im Handumdrehen aus Andachts-Liedern Liturgie-Gesänge und aus Andachtsbüchern Liturgie-Bücher geworden.

 

Von Rom aus und in den Bischofskonferenzen wurde der begreifliche Wunsch geäußert, einheitliche Liturgiebücher für Sprachregionen zu schaffen, also musste auch für das deutsche Sprachgebiet zugleich mit der Arbeit an den offiziellen Liturgiebüchern in deutscher Sprache ein "Einheits- Gesangbuch" (EGB) in Angriff genommen werden. Dem Beschluss der deutschen Bischöfe von 1963 haben sich bis 1966 die Bischöfe von Österreich, Südtirol, Luxemburg, Strassburg und Lüttich angeschlossen; die Bischöfe der mehrsprachigen Schweiz beschreiten bis heute ihren eigenen Weg.

 

"Gerade im Singen wurde festgestellt, dass das gemeinsame Glaubensgut viel größer ist als trennende Lehren. Und es zeigt sich zunehmend, dass der eine Glaube und die eine Kirche, eine lebendige Vielfalt von Formen und Strukturen, theologischen und spirituellen Eigentümlichkeiten hervorbringen muss."

 

Es gab viele Vorarbeiten für die Erstellung des EGB:

  • Das Maria-Theresianische Gesangbuch von 1778 enthielt eine Reihe von Liedern, die in allen Erblanden Habsburgs auf gleiche Weisen, aber in verschiedenen Sprachen, gesungen werden sollten.
  • Ernst Moritz v. Arndt forderte 1819 ein "christlich teutsches Gesangbuch ... für alle Christen ohne Rücksicht des besonderen Bekenntnisses."
  • Auf der ersten deutschen Bischofskonferenz in Würzburg 1848 wurde ein "Nationalkonzil" vorgeschlagen, das für ganz Deutschland einheitliche Kirchenlieder beschließen müsse.
  • Heinrich Bone hoffte mit seinem 1848 erschienenen Gesangbuch Cantate den Grundstock zu einem einheitlichen katholischen Liederschatz zu legen.
  • Bernhard Schäfer hat in seinem Buch Einheit in Liturgie und Disciplin für das katholische Deutschland 1891 ein "Allgemeines deutsches Kirchengesangbuch" angeregt; im Widerspruch dazu schlägt Georg Weber 1893 einen kleinen "Kanon von Einheitsliedern" vor. 
  • Im ACV ( Allgem. Cäcilienverband für die Länder deutscher Zunge ) wurde jahrelang heftig gestritten, ob es künftig ein umfangreiches einheitliches Gesangbuch oder einen Kanon von 20-25 Einheits- Liedern geben sollte.
  • Im Ersten Weltkrieg forderten die Feldkuraten, unverzüglich etwa 20 Kirchenlieder in einheitlicher Fassung herauszugeben.
  • Die Fuldaer Bischofskonferenz hat 1916 "23 Einheits-Lieder" beschlossen, die in alle Diözesan- Gesangbücher aufgenommen werden sollten.
  • 1938 veröffentlichte das Jugendhaus Düsseldorf die Sammlung Kirchenlied , die über die Jugend- und Sing-Bewegung weite Verbreitung gefunden hat. Der Zweite Weltkrieg und die darauffolgenden Flüchtlingsströme gaben neue Impulse, die zu nachhaltigen Ergebnissen führten:
  • Schon 1947 erschienen "74 Einheitslieder der deutschen Bistümer" (die sog. "E-Lieder"), deren Einführung verpflichtend war, und 1949 wurde in Ergänzung dazu der Kanon der "e-Lieder" zur freien Auswahl publiziert.
  • Die Österreichische Bischofskonferenz hat 1948 die rasche Fertigstellung eines Einheits-Lieder- Kanons beschlossen, der schon ein Jahr später bestätigt und 1950 oder 1951 publiziert worden ist.

Weil aber viele Diözesen ihre Gesangbücher schon 1948 herausgegeben hatten, war die Rezeption dieser Vorarbeiten sehr begrenzt. Erst die Liturgiereform des II. Vatikanums führte zu einem allgemein angenommenen Ergebnis: 1974 erschien das EGB Gotteslob als umfangreiche "Stammausgabe", die durch Diözesan- oder Regional-Anhänge ergänzt bzw. vervollständigt worden ist.

 

Die zunehmende Mobilität der Gesellschaft durch Beruf, Migration und Tourismus hat den Wunsch gefördert, gemeinsame Fassungen für Texte und Lieder zu finden. Und das zunehmende Bestreben, Kirchentrennungen zu überwinden, hat zur Suche nach gemeinsamem Liedgut geführt über alle Konfessionsgrenzen hinweg. Gerade im Singen wurde festgestellt, dass das gemeinsame Glaubensgut viel größer ist als trennende Lehren. Und es zeigt sich zunehmend, dass der eine Glaube und die eine Kirche, eine lebendige Vielfalt von Formen und Strukturen, theologischen und spirituellen Eigentümlichkeiten hervorbringen muss. Solche Vielfalt bringt den Reichtum des einen Ganzen deutlicher zum Vorschein als verordnete Einheitlichkeit.

 

"Ob ein Gesangbuch gut geraten ist, zeigt sich noch nicht bei seiner Fertigstellung und auch nicht in den Verkaufsziffern. Erst das überzeugte Singen aus dem neuen Buch als Ausdruck lebendigen Glaubens markiert seinen Erfolg."

 

Ein neuer Bereich im Spannungsfeld zwischen Einheit und Vielfalt sind die verschiedenen Sprachen. War man zunächst der Meinung, Fremdes durch Übersetzung sich zueigen zu machen - ein Beispiel dafür sind Lieder, deren Texte in andere Sprachen übersetzt sind -, so zeigt sich jetzt eher die Tendenz, Gesänge fremden Ursprungs in ihrer Originalsprache zu singen (Gospels und Spirituals).

 

Die richtige Ausgewogenheit von Einheit und Vielfalt des christlichen Lebens in Gegenwart und Zukunft wird eines der wichtigsten Kriterien sein, wie künftige Gesangbücher diesem Leben dienen können. Dabei sind durchaus gegensätzliche Tendenzen zur selben Zeit auszumachen: Dem römischen Zentralismus steht das Festhalten an ortskirchlichen Besonderheiten gegenüber; auf neu entstehende regionale Zentralismen wird mit zersplitternden und anachronistischen Partikularismen reagiert. Dasselbe gilt für die Ökumene: Endlich gewonnene Übereinkünfte und Gemeinsamkeiten wecken Befürchtungen um konfessionelle Identitäten, und verstärken den Ruf nach einer Ökumene der Profile. - Ganz Ähnliches gilt übrigens auch für die EU, die einerseits vielen Gemeinsamkeiten Rechnung trägt, andererseits aber auch nationale Identitätsängste hervorruft.

 

Eines möge man aber nie vergessen: Ob ein Gesangbuch gut geraten ist, zeigt sich noch nicht bei seiner Fertigstellung und auch nicht in den Verkaufsziffern. Erst das überzeugte Singen aus dem neuen Buch als Ausdruck lebendigen Glaubens markiert seinen Erfolg.

 

Philipp Harnoncourt

Graz

 

 

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